Der "Soziallamarckismus" Rudolf Goldscheids

 

Rudolf Goldscheid (1870-1931) – wer außerhalb eingeweihter Kreise von Soziologiehistorikern kennt heute noch diesen Namen und weiß etwas mit ihm anzufangen? Dabei gehörte dieser heute beinahe vergessene Privatgelehrte 1907 zu den Erstunterzeichnern der Gründungsurkunde der "Soziologischen Gesellschaft" in Wien, initiierte zwei Jahre später auch die "Deutsche Gesellschaft für Soziologie" und rief 1926 die "Österreichische Liga für Menschenrechte" ins Leben. Goldscheid war also maßgeblich in die Institutionalisierung der Soziologie als universitäres Lehrfach im deutschsprachigen Raum involviert. Dennoch fand er neben seinem umfangreichen organisatorischen und humanitären Engagement Zeit, eine lange Reihe von Publikationen hervorzubringen, in denen er ebenso neuartige wie eigenwillige Theorien entwickelte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war lange Zeit die von Goldscheid angeregte Finanzsoziologie jener Beitrag, für den ihm noch vergleichsweise die meiste Aufmerksamkeit zuteil wurde; erst seit den 1980er Jahren rückt sein eigentliches Herzensanliegen, die "Menschenökonomie", wieder etwas stärker ins Blickfeld der ideengeschichtlichen Rezeption. Die Aufarbeitung seiner Schriften bleibt aber weiterhin meistens Stückwerk oder beschränkt sich überhaupt nur darauf, einige wenige Zitate herauszugreifen, die ihn in ein höchst fragwürdiges Licht stellen. So widerfährt Goldscheid nun, kaum dass er langsam der allgemeinen Vergessenheit entrissen wird, zu Unrecht das Schicksal, in verkürzten Darstellungen zum Kronzeugen aller möglichen und unmöglichen „Grausamkeiten“ zu werden: Einmal wird er als Fürsprecher der negativen (d.h. genetisch vermeintlich "minderwertige" Menschen auslesenden) Eugenik dargestellt, ein andermal wird behauptet, die Präimplantationsdiagnostik ließe die – wie hinzugefügt wird: schauderliche – Verwirklichung seiner "Menschenökonomie" greifbar werden. Wenngleich derartige Interpretationen in gewisser Hinsicht durchaus stichhaltig sein mögen: es gab eine Vielzahl anderer Autoren, die hier zuerst haftbar zu machen wären. Vor allem aber kehrt eine solche Deutung von Goldscheids Werk sein mannigfaltiges soziales und emanzipatorisches Engagement unter den Tisch. Und sie übergeht, dass er bei aller Begeisterung für die biologische und kulturelle "Höherentwicklung" der Menschheit – sie war das erklärte Ziel der "Menschenökonomie" –, die er zweifellos durch wissenschaftlich wie ethisch fragwürdige Mittel erreichen wollte, das Prinzip der sozialdarwinistischen Auslese der im "Daseinskampf" angeblich Unterlegenen strikt ablehnte.

Die auf dieser Website zum Download bereitstehende Diplomarbeit (die im März 2004 am Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität Graz eingereicht wurde) setzt sich kritisch mit dem – nur auf den ersten Blick – scheinbar so widersprüchlichen Leben und Werk Rudolf Goldscheids auseinander. Ich konzentriere mich hierbei vor allem auf die "sozialbiologische" Grundlegung der "Menschenökonomie", die Goldscheid selbst zu einer Art "Soziallamarckisten" werden ließ. Ich schlage diese ungebräuchliche Bezeichnung vor, weil Goldscheid zwar das Ziel – also die gesellschaftlichen "Höherentwicklung" – des von ihm wegen der Wahl seiner Mittel bekämpften Sozialdarwinismus teilte, aber in vielen Punkten die Evolutionstheorie Jean-Baptiste Lamarcks bevorzugte. Aus diesem Grund befanden sich die evolutionsbiologischen Prämissen, auf die Goldscheid setzte, nicht auf der Höhe seiner Zeit (geschweige denn auf der Höhe der unsrigen), und so ist es auch wenig verwunderlich, dass das „sozialbiologische“ Fundament seines Werks bisher nur selten rezipiert wurde. Um im Kontext des Sozialdarwinismus aufgearbeitet zu werden, waren seine Ansichten einfach zu wenig extrem; seine neolamarckistische Milieutheorie wiederum ist zu exotisch, weicht zu sehr vom Dogma der heute beinahe uneingeschränkt als gültig erachteten neodarwinistischen synthetischen Evolutionstheorie ab, um als Gegenstand „ernsthaften“ oder „relevanten“ wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns gelten zu dürfen. Zu seiner Zeit war Goldscheids Denken aber nicht allein wegen der allgemeinen Obsession für alles, was nach „Höherentwicklung“ roch, einflussreich, sondern sehr wohl auch als eigenständiger, origineller Beitrag, der Wirkungen auf die sozialpolitische Agenda der Zwischenkriegszeit zeitigte.

Die "Sozialbiologie" war der Dreh- und Angelpunkt von Goldscheids wissenschaftlichem Denken. Ohne diesen Schlüssel und die mit ihm zu öffnenden Türen zu kennen, muss das Verständnis Goldscheids notgedrungen lückenhaft und anfällig für Fehlinterpretationen bleiben. Wenngleich ich, nicht zuletzt aus methodologisch-wissenschaftstheoretischen Erwägungen, keine "Rehabilitierung" Goldscheids anbieten oder gar für seine Aufnahme in den Kanon der "Klassiker" der Soziologie plädieren will, klärt die vorliegende Diplomarbeit doch einige der Widersprüche und Irrtümer auf, mit denen seine Person – heute mehr denn je? – behaftet ist.

Georg Witrisal

 

Kontakt:  georg @ witrisal . com

 

Bitte laden sie die Diplomarbeit hier herunter:  Der "Soziallamarckismus" Rudolf Goldscheids (Adobe-PDF, 1390 KB)

 

Rudolf Goldscheid (1870-1931)

 

12.8.1870 Geboren in Wien  
1888 Beginn des Philosophiestudiums in Wien. Erstes Drama Lord Byron  
1891 Umzug nach Berlin und Studium der Nationalökonomie, Philosophie und Soziologie  
1894 Abbruch des Studiums aus unbekannten Gründen  
1895 Der alte Adam und die neue Eva, sein erfolgreichster Roman erscheint (Englisch 1898)  
1898 Hochzeit mit Marie von Maltzahn in Leipzig  
1902 Zur Ethik des Gesamtwillens, erstes sozialphilosophisches Werk  
1907 Gründung der „Soziologischen Gesellschaft“ in Wien  
ab 1907/1913 Assoziiertes bzw. ordentliches Mitglied des „Institut International de Sociologie“ in Paris  
1909 Mitbegründer der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“  
1910/1912  1. bzw. 2. Deutscher Soziologentag, Werturteilsstreit mit Max Weber  
1911 Erscheinen seines Hauptwerks Höherentwicklung und Menschenökonomie  
Beitritt zum Deutschen Monistenbund
1912–1917 Vorsitzender des Österreichischen Monistenbundes. Danach Ehrenpräsident  
1915 Mahnruf Deutschlands größte Gefahr. Acht Auflagen
1917 Begründung der Finanzsoziologie mit Staatssozialismus oder Staatskapitalismus. Fünf Auflagen
1919 Wissenschaftlicher Beirat der staatlichen österreichischen Sozialisierungskommission  
1921 Eröffnungsaufsatz der Kölner Vierteljahreshefte für Sozialwissenschaft  
Wahl in den Vorstand der „Deutschen Liga für Menschenrechte“ (bis 1927)  
1922–1925 Herausgeber Die Friedens-Warte in Nachfolge Alfred H. Frieds  
1923 Gründung des „Europäischen Zollvereins“ mit Ernö Bleier  
ab 1923 Präsident der „Friedensgesellschaft“ in Wien  
1926  Gründung der „Österreichischen Liga für Menschenrechte“. Erster Vizepräsident  
Vortrag „Für die Vereinigten Staaten von Europa!“ in Brüssel  
1930 Vortrag auf dem Kongress der „Weltliga für Sexualreform“ in Wien
6.10.1931 Gestorben in Wien